Gelebte Völkerverständigung

Seit 1999 organisiert die Caritas Salzburg alljährlich ein Friedenslager für bedürftige Kinder unterschiedlichster Religionszugehörigkeit aus dem ganzen Nahen Osten, das jedes Mal in einem anderen Land der Region stattfindet.

Vorurteile, Feindseligkeit gegenüber Angehörigen anderer Nationalitäten oder Volksgruppen sowie religiöse Intoleranz sind im Nahen Osten leider immer noch weit verbreitet. Vor einigen Jahren beschloss deshalb die Caritas Salzburg, die im Rahmen der gesamtösterreichischen Caritas-Auslandshilfe für die Region MONA (= Mittlerer Osten/Nord-Afrika) zuständig ist, auch im Bereich Friedens- und Versöhnungsarbeit tätig zu werden, um zumindest zu versuchen, einen kleinen Beitrag zur Lösung dieser Probleme zu leisten.

Kinder sind der Schlüssel für eine bessere Zukunft

Wenn man Mentalitäten ändern will – so war die Überlegung – muss man früh damit beginnen. Erwachsene haben zumeist bereits vorgefasste Meinungen, die nur noch schwer zu ändern sind. Aus diesem Grund wurden Kinder und Jugendliche als die primäre Zielgruppe identifiziert, mit der es zu arbeiten galt. Ein dreiwöchiges Ferienlager, bei dem Kinder unterschiedlichster Nationalität und Religionszugehörigkeit zusammengebracht werden sollten, schien der ideale Rahmen dafür zu sein.

So wurde im Sommer 1999 ein erstes derartiges Lager organisiert, das in Tartous an der syrischen Mittelmeerküste stattfand. An dieser Aktion nahmen damals christliche und muslimische Kinder aus dem Libanon, aus Syrien und aus Ägypten teil. Das Lager war so erfolgreich, dass es auf Wunsch aller Beteiligten im Jahr 2000 im Libanon wiederholt und in der Folge zu einer alljährlichen Tradition wurde. Es findet nun fast jedes Jahr in einem anderen Land der Region statt und fast jedes Jahr werden Kinder einer zusätzlichen Nation in das Projekt integriert. In diesem Jahr fand das Lager in Bhersaf/Libanon statt,  2010 hat das Lager wiederum in Ägypten stattgefunden.

Die Mission: Frieden und Toleranz

Die Ziele des Lagers sind all die Jahre hindurch gleich geblieben und haben seit den Ereignissen des 11. September 2001 wohl noch an Bedeutung gewonnen: Es sollen Vorurteile abgebaut und Toleranz gestärkt werden. Die Aktion soll bei den teilnehmenden Kindern Interesse für andere Länder, Völker, Kulturen und Religionen wecken und durch grenzüberschreitende Freundschaften einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten. Und schließlich soll sozial bedürftigen Kindern die Möglichkeit geboten werden, zumindest einmal im Leben unbeschwerte Ferien zu verbringen.

Gemäß von vorgegebenen strengen Kriterien wählen die lokalen Partner der Caritas Salzburg in den verschiedenen Ländern der Region die Allerärmsten für die Teilnahme am Lager aus: Flüchtlingskinder, etwa Kinder aus palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon oder Kriegsflüchtlinge aus dem Sudan bzw. aus dem Irak, die man inzwischen in fast allen Ländern der Region antrifft, sowie Waisenkinder, Straßenkinder oder Sozialfälle. Insgesamt können jedes Jahr max. 100 Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren am Lager teilnehmen, wobei immer zwei Drittel der Kinder Mädchen, der Rest Buben sind - eine Vorgabe, um der im Nahen Osten weit verbreiteten Bevorzugung von Buben entgegenzuwirken. Hinzu kommt noch ein multinationales Lagerteam, zu dem Ordensschwestern verschiedener Ordensgemeinschaften, jugendliche Gruppenleiter sowie weitere Freiwillige (Lehrer, Sozialarbeiter,…) verschiedenster Nationalität gehören.

Das alle verbindende Element ist die gemeinsame arabische Sprache, jedoch sprechen die Kinder unterschiedliche Dialekte und benötigten jeweils einige Tage zu Beginn des Lagers, um einander wirklich problemlos verstehen zu können.

Gemeinsam statt gegeneinander

Zu den vielfältigen Lageraktivitäten gehören Singen, Basteln, sportliche Aktivitäten, Wettspiele sowie Workshops mit professionellen Trainern zu Themen rund um das Hauptthema "Frieden" (wie etwa gewaltfreie Konfliktlösung), die bewirken, dass die Kinder die Scheu vor den jeweils anderen Nationalitäten schnell überwinden.

Da alle teilnehmenden Kinder immer zum ersten Mal im Leben ihr jeweiliges Heimatland verlassen, nimmt auch das Kennenlernen des Gastlandes einen hohen Stellenwert ein. In allen Ländern, in denen das Lager bislang stattgefunden hat, ermöglichte es der jeweilige Tourismusminister, dass alle touristischen Sehenswürdigkeiten gratis besucht werden können, was natürlich viele interessante Ausflüge ermöglicht und dazu beiträgt, Kosten zu sparen.

Mit großer Begeisterung bereiteten die Kinder aller Nationalitäten bei jedem Lager auch Nationalabende vor, um den anderen Teilnehmern ihr jeweiliges Heimatland mit Tänzen und Liedern vorzustellen. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Nationalgerichte der verschiedenen Länder serviert, was immer einer kulinarischen Reise durch den Nahen Osten gleichkommt. Gegen Ende des Lagers findet dann gewöhnlich ein Internationaler Abend statt, an dem die besten Stücke aller Nationalabende vor Publikum aufgeführt werden.

Seit 1999 fand das Lager mit Ausnahme von 2003 wegen des Irakkrieges und 2007 wegen der politischen Krise im Libanon jeden Sommer statt, wodurch bislang schon fast 900 Kinder und Jugendliche aus neun verschiedenen Ländern der Region (Libanon, Syrien, Palästina, Jordanien, Irak, Ägypten, Sudan, Jemen und Libyen) an dieser Aktion teilnehmen konnten, die insgesamt 18 verschiedenen religiösen Konfessionen angehörten (römisch-katholisch, maronitisch, griechisch-katholisch, griechisch-orthodox, syrisch-katholisch, syrisch-orthodox, armenisch-katholisch, armenisch-orthodox, koptisch-katholisch, koptisch-orthodox, chaldäisch, assyrisch, protestantisch, evangelikal, sunnitisch, schiitisch, drusisch sowie Yazidi). 

Internationale Unterstützung durch das Caritas Netzwerk

Diese Aktion ist in ihrer Art in der Region einzigartig, weshalb sie für reges Interesse im Netzwerk der internationalen Caritas sorgt. So haben sich in der Vergangenheit neben der Caritas Salzburg auch die Caritas Internationalis (Vatikan) sowie die Caritas-Organisationen von Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien, Luxemburg, Italien, Schweden und den USA an der Finanzierung des Projektes "Friedenslager" beteiligt.

Abschiedstränen fließen zu Ende eines jeden Lagers immer reichlich, was den Organisatoren die Gewissheit gibt, dass die Ziele der Aktion erreicht wurden und was wiederum die Motivation gibt, die Vorbereitungen für das nächste Lager zu beginnen.