Eindrücke von Brigitte Trnka, ORF Journalistin

Wie der Frieden beginnt...

Brigitte Trnka, Schirmherrin der Straßenkinder in Ägypten, be-suchte das Caritas-Friedenslager 2009 im Libanon

Zwei riesige, strahlende dunkle Augen lächeln mich an; die an mich gerichteten Worte verstehe ich nicht, ich kann kein Arabisch. Da schiebt sich die kleine Hand in meine, und das zierliche Mädchen nimmt mich einfach mit zu den anderen. 97 Kinder aus acht arabi-schen Ländern und 14 verschiedenen Konfessionen - aufgeteilt in zehn Gruppen im Hof der St. Joseph-Internatsschule - gehen zum Frühstück. Und ich plötzlich mitten drin.
Faeza hat mich einfach mitgenommen. Sie ist 12 Jahre alt, sehr klein, aber sie weiß, was sie will! Faeza kommt aus dem Jemen, hat acht Ge-schwister, und da der Vater an Lepra erkrankt war, lebt sie mit ihrer Familie in einem Zentrum für ehemalige Lepra-Patienten. Das ist das erste Mal, dass Faeza dieses Zentrum für drei Wochen verlassen kann, wie die anderen Kinder aus dem Jemen mit gleichem Schicksal.
Es ist die dritte und letzte Woche des 9. Internationalen Friedens-camps der Caritas Salzburg, diesmal im Libanon, in Bhersaf, in den libanesischen Bergen, etwa eine Dreiviertel-Autostunde von der  Hauptstadt Beirut entfernt.
"Come on, Madame, take your breakfast!", fordert mich Mohhamed mit kräftiger Stimme auf; ich, eben erst angekommen, gehöre offenbar bereits dazu, bin einfach mitten drin. Mohhamed ist Palästinenser, lebt seit seiner Geburt in einem Flüchtlingslager in West-Beirut, und der eifrige Schüler spricht ausgezeichnet Englisch. Miss Rita, eine der Betreuerinnen im Friedenscamp, ist auch seine Lehrerin und mächtig stolz auf Mohhamed.
"Coffee? I know, you like it!" Osama, der Leiter eines Straßenkinder-zentrums in Ägypten, steht lächelnd vor mir. Ihn kenne ich seit zwei Jahren, von meinen Besuchen in Kairo und Alexandria, als Schirmher-rin der dortigen Straßenkinder. Er ist hier mit den Slumkindern aus Hagganah.
Gemeinsam mit der fröhlichen Kinderschar gehen wir zum nahe gele-genen SOS-Kinderdorf Bhersaf, einem von Vieren im Libanon, und Osama erzählt begeistert über die vergangenen zwei Wochen - etwa von den Ausflügen nach Byblos, ins Nationalmuseum, in den Dream Park oder in den Rio Lentos Water-Park. Der Nachmittag im SOS-Kinderdorf ist turbulent, fröhlich, man spielt, tobt, lacht! Glückliche Kinder - Glückskinder?!
Vier Tage später der Abschlussabend des 9. Friedenscamps der Cari-tas Salzburg: der "internationale Abend". Vertreter diverser Botschaf-ten sind unter den zahlreichen Gästen und natürlich die Campkinder aus dem Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten, dem Jemen und Camp-teilnehmer aus dem Sudan, Palästina und dem Irak, die in Flüchtlings-lagern zuhause sind. Die libanesische Militärmusik spielt alle acht Landeshymnen, Stefan Maier, der Auslandskoordinator der Caritas Österreich, hält die Festrede. Er hat vor zehn Jahren das Caritas-Friedenslager ins Leben gerufen - nicht irgendeines - ein besonderes, im Nahen Osten, einer der gewalttätigsten Regionen der Welt, mit Krieg, Zerstörung, Hass, Verachtung und enormem Misstrauen. Ohne Aussicht auf Frieden!?
Da steigt die neunjährige Jara aus Syrien mühevoll auf die Bühne des Festssaals im Camp. Sie ist Spastikerin, in den Händen hält sie die sy-rische Nationalflagge, rot-schwarz-weiß mit zwei grünen Sternen, dreieckig wie ein Tortenstück. Nach und nach kommen die anderen dazu, ebenfalls in Landestracht, mit ihrer "Tortenstück-Fahne". Ab-lehnung, Misstrauen, Verachtung wird spielerisch dargestellt. Man merkt, dass es den Kindern schwer fällt, sich nicht zuzulächeln, ein-ander nicht die Hand zu reichen, wie sie es in den vergangenen drei Wochen getan haben.
Ein Bub mit Campkappe, Rucksack und Camp-T-Shirt kommt auf die Bühne, in der Hand die Caritasfahne, geht von einem zum anderen, und dann fügen sich die Fahnensegmente zu einer Einheit, zu einem wunderbaren Nationenkreis. So einfach könnte es sein. Diese Kinder haben mich einen möglichen Frieden spüren lassen.
Kriegskinder und Kinder in Not waren für Hermann Gmeiner der Aus-löser, das erste SOS-Kinderdorf 1949 in Imst zu gründen. Es trägt den Namen "Haus Frieden".
50 Jahre später, 1999, hat Stefan Maier das erste Caritas-Friedens-camp in Syrien gestartet. Seither wird Jahr für Jahr in den Camps gespielt, gefeiert, begegnen einander junge Menschen aus schwer ge-prüften Ländern. Die Kinder zeigen uns immer wieder auf bezwingende Art, wie der Frieden beginnt…

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