Rückblick

Mittlerweile ist es - trotz so mancher Hindernisse - schon Tradition: das internationale Friedenslager, das die Caritas Salzburg zusammen mit lokalen Partnern seit 1999 fast jedes Jahr an verschiedenen Orten im Nahen Osten organisiert. Fast jedes Jahr deshalb, weil sowohl der Irakkrieg 2003 als auch die gefährliche politische Situation im Libanon im Sommer 2007 die Durchführung des Lagers im jeweiligen Jahr verhinderten.

Doch heuer stand dem unbeschwerten Ferienspaß für sozial bedürftige Kinder glücklicherweise nichts im Wege. So fanden sich am 16. Juli 2009 97 Kinder aus acht verschiedenen Ländern der Region in der Technischen Schule St. Joseph der Lazaristen in der Ortschaft Bhersaf, in den Bergen über der libanesischen Hauptstadt Beirut, ein, um die folgenden drei Wochen miteinander zu verbringen.

Für viele die ersten Ferien ihres Lebens

Während  einige Gruppen aus ihren jeweiligen Heimatländern anreisten (aus Syrien, Jordanien, Ägypten und dem Jemen), handelte es sich bei den Palästinensern, den Irakern und den Sudanesen um Kinder von im Libanon lebenden Flüchtlingsfamilien  dieser Nationalitäten.

Bei allen teilnehmenden Kindern im Alter zwischen 10 und 15 Jahren handelte es sich jedoch um sozial besonders Bedürftige, die ohne Hilfe der Caritas niemals die Chance gehabt hätten, ihr jeweiliges Heimatland zu verlassen bzw. an einer derartigen Aktion teilzunehmen.

Viele  Kinder werden im Rahmen von Caritas-Projekten unterstützt und betreut

So stammten etwa die libanesischen Teilnehmer  aus mehreren von der Caritas Salzburg unterstützten Waisenhäusern, die Jordanier waren Kinder aus den drei verschiedenen SOS-Kinderdörfern des Landes und bei den Ägyptern handelte es sich um Kinder, die im Slumviertel Haggana der Hauptstadt Kairo leben und dort regelmäßig ein von der Caritas gegründetes Jugendzentrum besuchen. Die Jemeniten waren Kinder von Leprapatienten, die alle zum ersten Mal im Leben das Lepradorf nahe der Stadt Taiz verließen und viele der Kinder der übrigen Nationen hatten in ihrem bisherigen Leben schon die bittere Erfahrung von Flucht und Vertreibung machen müssen, wie etwa die irakischen und sudanesischen Kinder, während hingegen die palästinensischen Kinder schon in Flüchtlingslagern im Libanon geboren worden waren.

Toleranz, Respekt, Frieden, Freude und Freunde

Betreut wurden die Kinder während des Lagers von 30 ehrenamtlichen Betreuern aus 12 Nationen - alles zusammen also eine Gruppe von fast 130 Personen, die 14 verschiedenen religiösen Konfessionen angehörten. Wie üblich waren ca. 2/3 der teilnehmenden Kinder Mädchen, die ja ansonsten im Nahen Osten häufig immer noch diskriminiert werden.

Im Quartier der Kinder in der Technischen Schule St. Joseph in Bhersaf, die ja bereits seit vielen Jahren von der Caritas Salzburg unterstützt wird,  gab es vielfältige Aktivitäten wie Basteln, musikalische und sportliche Aktivitäten und Wettkämpfe (die besten Sportler bekamen am Ende des Lagers sogar Medaillen und Pokale), aber auch Gruppenarbeiten und Workshops zu Friedensthemen (Toleranz, Respekt, Freundschaft,…). Einige der Workshops wurden von einer professionellen Trainerin des Flüchtlingsbüros der Caritas Libanon, dem heurigen Partner der Caritas Salzburg bei der Durchführung des Lagers, gestaltet.

Die Kinder nehmen viele neue Eindrücke und Einsichten mit nach Hause

Da viele der Teilnehmer aus dem Ausland kamen und vielleicht nie wieder die Gelegenheit haben werden, den Libanon zu besuchen, wurden zahlreiche Ausflüge zum Kennenlernen des Gastlandes unternommen. Dank der Unterstützung des libanesischen Tourismusministers, der die Kinder in seiner Heimatstadt Zahlé in der Bekaa-Ebene sogar persönlich zum Essen in ein Restaurant einlud, waren alle Eintritte in touristische Sehenswürdigkeiten gratis. So konnten die Kinder etwa die prachtvollen römischen Tempelruinen in Baalbek, die Zedern im Nordlibanon, die Kreuzritterburg in Byblos und den Drusen-Palast in Beit Ed Din besuchen. Weiters auf dem Programm: ein Besuch im Seifenmuseum in Sidon im Südlibanon und eine Einladung in einen Vergnügungspark.

Da ja die jordanischen Teilnehmer SOS-Kinderdorf-Kinder waren, lud auch das SOS-Kinderdorf Bhersaf, ganz in der Nähe der Technischen Schule gelegen, die ganze Gruppe zu einem Nachmittag ins Kinderdorf ein, wo jede der zehn Gruppen in eines der SOS-Familienhäuser aufgenommen wurde.

Internationale Beachtung und Beteiligung

Die österreichische Botschafterin im Libanon, Frau Dr. Eva-Maria Ziegler, ermöglichte den Kindern dankenswerterweise zweimal den Besuch eines Aqua-Parks und sie besuchte die Kinder auch persönlich im Quartier der Gruppe, ebenso der Jemenitische Botschafter im Libanon, der der jemenitischen Delegation einen Besuch abstattete.

Ein weiterer wichtiger Aspekt während des Lagers war die Vorbereitung von Nationalabenden, bei denen die Kinder in ihrer jeweiligen Nationaltracht ihren neu gewonnenen Freunden durch Tänze und Lieder die Kultur ihres jeweiligen Heimatlandes präsentierten. Die besten Stücke aller Nationalabende wurden dann gegen Ende des Lagers im Rahmen eines eindrucksvollen internationalen Abends vor Publikum aufgeführt. 

Das Friedenslager wurde gemeinsam von der Caritas Salzburg und den Caritas-Organisationen von Holland, Deutschland, Italien, Schweden, Luxemburg und den USA finanziert.

Eindrücke der Kinder

Ghadir, 13, Jordanien

"Beim diesjährigen Friedenslager habe ich  viele neue Freunde gewonnen und viele neue Sehenswürdigkeiten und Orte im Libanon kennen gelernt.
Dieses Lager, das Friedenslager genannt wird, strahlt wirklich eine Atmosphäre von Liebe, Fröhlichkeit, Gastlichkeit und Zusammengehörigkeit aus, ungeachtet der Rasse, Nationalität oder kultureller Unterschiede.

Der Libanon war das Land, wo heuer Kinder aus verschiedenen Ländern zusammengekommen sind, wo oft kein Frieden herrscht. Ziel des Lagers war es, diesen Frieden unter den Kindern zu schaffen und ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Bei unseren Ausflügen z.B. zu den Zedern, nach Ajeltoun, Byblos, Beit Eddine, in das Seifenmuseum, ins Nationalmuseum und zum  Platz der Martyrer etc. haben viel Neues gelernt. Wir haben auch Ausflüge in den Dream Park gemacht, haben den Zoo besucht und sind mit einem Boot gefahren, was für viele Kinder das erste Mal war. Wir waren auch im SOS-Kinderdorf, wo wir die Liebe und Fürsorge der Mütter für ihre Kinder gespürt haben. Wir haben gemeinsam gespielt und waren sehr glücklich. Wenn ich wieder zurück in Jordanien bin, werde ich meinen Geschwistern erzählen,  was ich alles mit den Kindern erlebt habe. Dieses Lager hat den Kindern Dinge ermöglicht, die sie noch nie vorher erlebt haben. Wir waren die ganze Zeit fröhlich und haben gespielt und gebastelt.

Wir möchten uns bei Stefan Maier bedanken, der alles getan hat, damit wir eine tolle Zeit haben und friedlich und freundlich miteinander umgehen. Auch den Verantwortlichen möchten wir danken für den Erfolg dieses Lagers, das zu Recht Friedenslager genannt wird.
Was mir am meisten gefallen hat war die Liebe, die Zusammenarbeit, die Gemeinschaft, der "Star des Tages" sowie die anderen Preise, die wir Kinder bei den Spielen gewonnen haben.

Danke!"

Eliane, 13, Palästina

"Ich schreibe diesen Brief mit dem starken Gefühl, dass ich gerne noch bei euch bleiben würde. Ich hoffe, dass ich wieder einmal an einem Lager teilnehmen kann. Wir haben gespielt, gelacht und schöne Momente erlebt; wir haben viele Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten gemacht. Ausserdem haben wir die palästinensische Nationalhymne und viele neue Tänze gelernt. Ich möchte mich bei Sirine bedanken, die uns die ganze Zeit über begleitet hat und die uns geholfen hat, alle möglichen Probleme zu lösen. Ich schreibe mit Tränen in den Augen, da das Lager zu Ende geht und meine Freunde weit weg sein werden. Ich bedanke mich bei allen, die zum Gelingen des Lagers beigetragen haben und alle Kinder glücklich gemacht haben. Wenn ich den Abschied denke, werde ich ganz traurig. Vielen Dank für die gute Betreuung."

Eindrücke von Brigitte Trnka, ORF-Journalistin

Wie der Frieden beginnt

Brigitte Trnka, Schirmherrin der Straßenkinder in Ägypten, besuchte das Caritas-Friedenslager 2009 im Libanon

Zwei riesige, strahlende dunkle Augen lächeln mich an; die an mich gerichteten Worte verstehe ich nicht, ich kann kein Arabisch. Da schiebt sich die kleine Hand in meine, und das zierliche Mädchen nimmt mich einfach mit zu den anderen. 97 Kinder aus acht arabi-schen Ländern und 14 verschiedenen Konfessionen - aufgeteilt in zehn Gruppen im Hof der St. Joseph-Internatsschule - gehen zum Frühstück. Und ich plötzlich mitten drin.

Faeza hat mich einfach mitgenommen. Sie ist 12 Jahre alt, sehr klein, aber sie weiß, was sie will! Faeza kommt aus dem Jemen, hat acht Geschwister, und da der Vater an Lepra erkrankt war, lebt sie mit ihrer Familie in einem Zentrum für ehemalige Lepra-Patienten. Das ist das erste Mal, dass Faeza dieses Zentrum für drei Wochen verlassen kann, wie die anderen Kinder aus dem Jemen mit gleichem Schicksal.
Es ist die dritte und letzte Woche des 9. Internationalen Friedens-camps der Caritas Salzburg, diesmal im Libanon, in Bhersaf, in den libanesischen Bergen, etwa eine Dreiviertel-Autostunde von der  Hauptstadt Beirut entfernt.

"Come on, Madame, take your breakfast!", fordert mich Mohhamed mit kräftiger Stimme auf; ich, eben erst angekommen, gehöre offenbar bereits dazu, bin einfach mitten drin. Mohhamed ist Palästinenser, lebt seit seiner Geburt in einem Flüchtlingslager in West-Beirut, und der eifrige Schüler spricht ausgezeichnet Englisch. Miss Rita, eine der Betreuerinnen im Friedenscamp, ist auch seine Lehrerin und mächtig stolz auf Mohhamed.

"Coffee? I know, you like it!" Osama, der Leiter eines Straßenkinderzentrums in Ägypten, steht lächelnd vor mir. Ihn kenne ich seit zwei Jahren, von meinen Besuchen in Kairo und Alexandria, als Schirmherrin der dortigen Straßenkinder. Er ist hier mit den Slumkindern aus Hagganah.

Gemeinsam mit der fröhlichen Kinderschar gehen wir zum nahe gele-genen SOS-Kinderdorf Bhersaf, einem von Vieren im Libanon, und Osama erzählt begeistert über die vergangenen zwei Wochen - etwa von den Ausflügen nach Byblos, ins Nationalmuseum, in den Dream Park oder in den Rio Lentos Water-Park. Der Nachmittag im SOS-Kinderdorf ist turbulent, fröhlich, man spielt, tobt, lacht! Glückliche Kinder - Glückskinder?!

Vier Tage später der Abschlussabend des 9. Friedenscamps der Cari-tas Salzburg: der "internationale Abend". Vertreter diverser Botschaf-ten sind unter den zahlreichen Gästen und natürlich die Campkinder aus dem Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten, dem Jemen und Camp-teilnehmer aus dem Sudan, Palästina und dem Irak, die in Flüchtlings-lagern zuhause sind. Die libanesische Militärmusik spielt alle acht Landeshymnen, Stefan Maier, der Auslandskoordinator der Caritas Österreich, hält die Festrede. Er hat vor zehn Jahren das Caritas-Friedenslager ins Leben gerufen - nicht irgendeines - ein besonderes, im Nahen Osten, einer der gewalttätigsten Regionen der Welt, mit Krieg, Zerstörung, Hass, Verachtung und enormem Misstrauen. Ohne Aussicht auf Frieden!?

Da steigt die neunjährige Jara aus Syrien mühevoll auf die Bühne des Festssaals im Camp. Sie ist Spastikerin, in den Händen hält sie die sy-rische Nationalflagge, rot-schwarz-weiß mit zwei grünen Sternen, dreieckig wie ein Tortenstück. Nach und nach kommen die anderen dazu, ebenfalls in Landestracht, mit ihrer "Tortenstück-Fahne". Ablehnung, Misstrauen, Verachtung wird spielerisch dargestellt. Man merkt, dass es den Kindern schwer fällt, sich nicht zuzulächeln, ein-ander nicht die Hand zu reichen, wie sie es in den vergangenen drei Wochen getan haben.

Ein Bub mit Campkappe, Rucksack und Camp-T-Shirt kommt auf die Bühne, in der Hand die Caritasfahne, geht von einem zum anderen, und dann fügen sich die Fahnensegmente zu einer Einheit, zu einem wunderbaren Nationenkreis. So einfach könnte es sein. Diese Kinder haben mich einen möglichen Frieden spüren lassen.

Kriegskinder und Kinder in Not waren für Hermann Gmeiner der Aus-löser, das erste SOS-Kinderdorf 1949 in Imst zu gründen. Es trägt den Namen "Haus Frieden".

50 Jahre später, 1999, hat Stefan Maier das erste Caritas-Friedens-camp in Syrien gestartet. Seither wird Jahr für Jahr in den Camps gespielt, gefeiert, begegnen einander junge Menschen aus schwer geprüften Ländern. Die Kinder zeigen uns immer wieder auf bezwingende Art, wie der Frieden beginnt…